Roger Willemsen gestorben

Roger_WillemsenDer Autor, Publizist und Moderator Roger Willemsen ist im Alter von 60 Jahren gestorben. Mit ihm verliert Deutschland einen großen Intellektuellen, der den Spagat zwischen kritischen Büchern, zum Beispiel über das Gefangenenlager Guantanamo Bay, und auch Klamauk schaffte, wie seine Gastauftritte in der Serie Pastewka oder auch in Neues vom Wixxer zeigen.
Gern erinnere ich mich an ein Interview mit ihm, welches ich 2010 für das (nicht mehr existierende) Kulturmagazin Globe-M führte und an dieser Stelle noch einmal veröffentliche.

STADT – LAND – FLUSS MIT ROGER WILLEMSEN

Publizist, Autor und Moderator Roger Willemsen hat für sein literarisches Reisebuch »Die Enden der Welt« die entlegensten Winkel der Welt besucht. Für Globe-M spielt Oliver Weidlich mit Roger Willemsen eine Runde »Stadt – Land – Fluss«.

Roger Willemsen hat gerade seine Tournee zu »Die Enden der Welt« begonnen. Wir treffen uns zu Stadt – Land – Fluss in seiner Garderobe vor seinem Auftritt in Magdeburg.

Roger Willemsen: A …

Oliver Weidlich: Stopp!

Roger Willemsen: K. Na dann mal los.

Nach etwa einer Minute bekommt Roger Willemsen eine Bulette mit Toast gereicht. Trotz mehrere Versuche lässt er sich nicht am bezahlen hindern. 

Roger Willemsen: Mir fehlt nur Fluss. Wollen wir vergleichen?

Oliver Weidlich: Stadt. Ich habe Karlsbad.

Roger Willemsen: Karatschi.

Oliver Weidlich: Ich nehme an, Sie sind dort bereits gewesen?

Roger Willemsen: Nein, dort war ich noch nicht. Aber es ist das erste was mir mit K eingefallen ist.

Oliver Weidlich: Sie waren bereits in sehr vielen Städten auf der ganzen Welt. Welche Stadt sollte jeder einmal gesehen haben?

Roger Willemsen: Timbuktu. Weil sie legendär ist, eine verschwindende Stadt. Sie ist umweht von Geschichten und die älteste Universität der Welt beheimatet Timbuktu ebenfalls. Sie ist die Heimat der Tuareg, die mit ihren Karawanen durch die Sahara ziehen. Das alles sind Gründe genug, warum man Timbuktu gesehen haben sollte.

Oliver Weidlich: Nächste Spalte: Land.

Roger Willemsen: Kuba.

Oliver Weidlich: Gibt es ein Land, welches Sie am meisten beeindruckt oder geprägt hat?

Roger Willemsen: Nein, so etwas gibt es nicht. Es gibt unterschiedliche Intensitäten, die die Gegenden auslösen. Um im Buchstaben zu bleiben fällt mir als Beispiel Kamtschatka ein, eine Halbinsel in Ostsibirien – fast ein ganzer Kontinent der den Bären und den Lachsen überlassen wird, und im Sommer den Mücken. Kamtschatka friert sehr lange, taut dann zwei Monate auf, um dann wieder unter Schnee zu versinken. Und das ist ein immens beeindruckendes Erlebnis.

Oliver Weidlich: Und Kuba?

Roger Willemsen: Ich habe Kuba geschrieben, weil ich in Kuba glücklich war, viel geschwitzt habe und noch mehr Mojito aufgenommen habe. Aber es ist wirklich ganz schwierig eine Rangliste aufzustellen. Patagonien ist auch ein wundervoller Ort. Ich kenne kein schöneres Land als Äthiopien – ich kenne gleichschöne Länder, aber kein schöneres. Einer der beeindruckendsten Orte ist einer, der keine Nationalität hat: der Nordpol.

Oliver Weidlich: Ist der Nordpol nicht nur beeindruckend, weil man weiß, das es eben »der Nordpol« ist? Vor Ort merkt man ja nichts, außer, dass es extrem kalt ist.

Roger Willemsen: Es war nicht kalt. Drei Grad, Regen und die Eisbären flanierten durchs Gelände. Die Zerstörung der Natur sieht man dort besonders dramatisch. Deswegen ist es auch ein besonderer Ort für mich. Wenn man tagelang mit einem Eisbrecher unterwegs ist, um diesen einen Punkt zu finden, ist es egal, wo der Nordpol ist, er könnte überall sein. Es ist ein Punkt mitten in den Eismassen. Und die Eismasse war direkt am Nordpol so klein, dass wir nicht an Land gehen konnten und vier Kilometer entfernt anlegen mussten. Solche Desillusionsprozesse gehören auch dazu.

Oliver Weidlich: Die nächste Spalte ist Fluss.

Roger Willemsen: Haben wir beide nicht… Das ist aber ärgerlich. Wenn wir irgendwann auf einer Landkarte über einen Fluss mit »K« stolpern, werden wir aneinander denken.

Oliver Weidlich: Floß oder Flugzeug, was ist ihnen lieber auf Reisen?

Roger Willemsen: Im Dschungel von Borneo konnte ich nur eines von beiden nutzen. Entweder eine kleine Propellermaschine mit der man unendliche Flächen von brennendem und nicht brennendem Dschungel überquert oder ein kleines Boot mit Steuermann und Maschinisten. Im Fluss sieht man armgroße Schlangen. Wenn der Steuermann ins Wasser steigen muss um den Antrieb zu befreien, steht der Andere die gesamte Zeit oben und schaut, dass kein Krokodil kommt. Im Zweifelsfall finde ich das Reisen mit dem Floß schöner, weil es mehr Zeit erlaubt, mehr Beobachtung – man kann auch besser schreiben. Es gibt Momente, in denen geht es ohne Flugzeuge nicht, ich bin aber kein Freund des »Luxus-Fliegens«. Nach Kamtschatka auf einen Vulkan fliegen, um von dort aus Bären zu jagen ist Herrn Putins Hobby, nicht meins.

Oliver Weidlich: Nächste Kategorie: Lied

Roger Willemsen: Da habe ich »Komm auf die Schaukel Luise«.

Oliver Weidlich: Das müssen Sie mir erklären, dieses Lied kenne ich nicht.

Roger Willemsen: «Komm auf die Schaukel Luise« ist ein Klassiker von Hans Albers. Einer der Reeperbahn-Größen der 20er bis 50er Jahre. Dieser Titel spricht für den Mief der 50er Jahre.

Oliver Weidlich: Begleitet Sie Musik auf Ihren Reisen?

Roger Willemsen: Ich habe Musik mit, wenn ich meinen Laptop mit habe. Aber auf meinen letzten Reisen hatte ich nie einen iPod mit, obwohl ich einen besitze. Komisch. Ich höre sehr gern Musik und mache auch Musiksendung. Aber auf Reisen nehme ich die nationale Musik auf, balinesische Musik in Bali und malinesische Musik auf Mali.

Oliver Weidlich: Als nächstes haben wir einen Star mit »K« gesucht.

Roger Willemsen: Ich habe Kevin Costner. Aber nur, weil er genauso alt ist wie ich und ich ihn kürzlich in der Steppe stehen sah in »Der mit dem Wolf tanzt« – nicht aus persönlicher Sympathie, er ist mir eben als erster eingefallen.

Oliver Weidlich: Gibt es für Sie Vorbilder? Es müssen nicht unbedingt Stars sein…

Roger Willemsen: Nein. Es gibt viele Autoren, die ich bewundere. Ich könnte eine ganze Liste aufstellen, zum Beispiel Autoren der Reiseliteratur. Bruce Chatwin, Ryszard Kapuściński, Annemarie Schwarzenbach – eine bemerkenswerte Frau die in den 30er und 40er Jahren nach Afghanistan, Indien, Pakistan gereist ist. Und von den anderen Autoren gibt es natürlich auch viele: Beckett, Nabokov – unglaublich potente Autoren mit einem unfassbaren Sprachschatz.

Oliver Weidlich: Was gibt es Ihnen, solche Autoren zu bewundern?

Roger Willemsen: Es gibt mir eine Art Richtwert. Ich weiß, was ich sein lassen kann. Was diese Autoren geschrieben haben, das muss ich nicht mehr schreiben. Diese Autoren geben mir eine Vorstellung von Präzision. Ich habe mal gehört dass das wichtigste beim Schreiben Präzision ist. Und wenn man einmal gesehen hat wie präzise jemand wie Nicolas Bouvier schreibt, dann kann man vieles, was die Pop-Literatur anbietet, ad acta legen. Wenn ich schreibe, darf ich die Zeit der Leser nicht verschwenden. Das ist meine Aufgabe: Die Leserschaft muss sich denken »Ich habe diese Seite nicht umsonst umgeblättert«. Ich kann die Welt nicht neu entdecken, die Karte ist vermessen. Ich kann sie aber auf den neusten Stand bringen.

Oliver Weidlich: Ein berühmter Toter mit K. Ich habe Karl der Große geschrieben.

Roger Willemsen: Ich habe aus reiner Verlegenheit Käthe Kruse geschrieben. Die werden Sie gar nicht kennen.

Oliver Weidlich: Stimmt.

Roger Willemsen: Da müssen Sie sich auch nicht schämen. Käthe Kruse ist eine Herstellerin von Gummipuppen.

Oliver Weidlich: Oho.

Roger Willemsen: Nein! Keine Sexualpuppen. Richtige Puppen für kleine Mädchen. Käthe Kruse war einmal so bekannt wie Margarethe Steiff und ihre Teddys.

Oliver Weidlich: Sie haben selbst sehr viele Interviews geführt. Gibt es einen Verstorbenen, den Sie gern interviewt hätten?

Roger Willemsen: Von den Toten, da gibt es viele: die großen Filmemacher, Autoren. Nicht unbedingt die Schauspieler. Aber auch unter den Lebenden gibt es Menschen, die ich gern noch interviewen möchte. Gaddafi würde ich gern treffen und Liz Hurley, aber aus unseriösen Gründen.

Oliver Weidlich: Nächste Kategorie: Scheidungsgrund

Roger Willemsen: Als Scheidungsgrund habe ich die Klarsicht. Ziemlich tricky. Wenn man sich zu sehr kennt und den Partner zu klar sieht, dann zerreißt es den Verblendungszusammenhang von dem die Liebe lebt. Deswegen muss man sich wünschen, dass ein Leben lang die Verblendung erhalten bleibt, zumindest zu einem Teil.

Oliver Weidlich: Vorletzte Kategorie: Laster

Roger Willemsen: Kiffen.

Oliver Weidlich: Nur weil es mit K beginnt …

Roger Willemsen: Aber nein, ich habe viel gekifft. Ich habe in Thailand Opium geraucht und über die Wirkung auch ein Kapitel verfasst.

Oliver Weidlich: Tragen Sie noch andere Laster mit sich?

Roger Willemsen: Redseligkeit ist eines meiner Laster. Ich schraube meine anderen Laster aber gerade zurück, denn speziell so eine Tournee ist sehr anstrengend und ich muss mir meine Kraft bewahren.Wenn ich jetzt zuviel Kiffen würde – was ich nicht tue – würde meine Konzentration leiden. Das wäre sehr schlecht, denn ich improvisiere sehr viel auf der Bühne. Ich trinke im Moment auch keinen Alkohol.

Oliver Weidlich: Die letzte Kategorie: Wunsch

Roger Willemsen: Küssen. Natürlich – das ist doch einer der besten Wünsche, die man haben kann. Ich hätte auch knutschen schreiben können, wäre allerdings etwas altmodisch.

Oliver Weidlich: Ich habe »kostenlos Bahnfahren« geschrieben.

Roger Willemsen: Da ist doch mein Wunsch viel schöner.

Oliver Weidlich: Ich habe mir vorher schon gedacht, das Sie gewinnen werden. Vielen Dank das Sie mitgespielt haben.

Text: Oliver Weidlich
Foto: Anita Affentranger